Berührt

(Predigt zu Mk 5, 35ff. im September 2020 in der Ev. Andreasgemeinde Niederhöchstadt)

Heute geht es um Kraft und Schwachheit. Um Stillstand und Bewegung. Um Einsamkeit und Berührung. Um Verzweiflung und Zuversicht.

Steigen wir ein in die biblische Geschichte von der Tochter des Jairus und der blutflüssigen Frau.

Jesus ist, wie so oft, mit seinen Jüngern im Fischerboot übern See gefahren. Kaum dort angekommen, versammelt sich eine große Menschenmenge um ihn.

Das ist das Setting, jetzt kommt die Geschichte:

… Es kam einer der Synagogenleiter dazu. Mit Namen Jairus. Er sieht Jesus, wirft sich vor ihm nieder und fleht ihn an: „Meine kleine Tochter liegt im Sterben. Bitte komm! Leg ihr die Hände auf, damit sie gerettet wird und am Leben bleibt.“

Der Mann, der hier zu Jesus kommt, gehört zur Dorfprominenz. Er ist Vorsteher des Ortes und der Gemeinde. Er steht somit für ein bestimmtes System, die Wirklichkeit zu deuten, Probleme zu lösen und die Gesellschaft zusammen zu halten. Aber jetzt ist er mit einem Problem konfrontiert, dass er nicht lösen kann. Es geht ans Eingemachte. Es geht um die Grundsäulen seiner Existenz. Es geht um das Leben seiner Tochter. Darum wirft er sich vor Jesus nieder. In aller Öffentlichkeit. Es ist eine Kapitulation. Und zugleich ein Glaubensbekenntnis: „Leg ihr die Hände auf, dann wird sie gerettet.“ Jesus zögert nicht. Er geht mit ihm.

Wenn ich diese Worte höre: „Er geht mit ihm“ – so atme ich innerlich bereits auf. Die Vorstellung, dass Jesus, Inbegriff aller Lebenskraft, mit ihm geht, ist aus meiner Sicht ein Vorwegnehmen dessen, was noch geschehen wird. „Er geht mit ihm“ ist eine Verheißung, ein großer Trost. Warum? Weil ich weiß: Wenn Jesus mit einem Menschen mitgeht, dann wird er ihn nicht im Stich lassen, sondern bis zum Ende und durch das Ende hindurch bei ihm bleiben.

Allerdings: Es kommt zu einer Verzögerung. Die Menschenmenge hat natürlich mitbekommen, dass ihr Orts- und Gemeindevorsteher sich flehentlich Jesus zu Füßen geworfen hat. Also folgen die Leute Jesus auf seinem Weg zum Haus des Jairus. Und umdrängen ihn dabei von allen Seiten. Mitten in dem Gedränge bleibt Jesus plötzlich stehen und sagt: „Jemand hat mich berührt!“ Äh, ja… du wirst von allen Seiten bedrängt. Du wirst ständig berührt.

Aber es war mehr als eine belanglose Berührung. Es war – nahezu magisch. Eine Kraft ist von Jesus ausgegangen, eine „dynamis“, wie es im griechischen Urtext heißt. Jesus hat es gemerkt. Und er sieht sich um: Wer hat ihn berührt?

Eine Frau tritt vor. Heraus aus der Verborgenheit in der Menge, aus der Anonymität. Sie tritt hervor, zitternd und voller Furcht, wirft sich nun, wie zuvor Jairus, vor Jesus nieder und erzählt, was ihr widerfahren ist. Und was sie hier erzählt, ist höchst intim. Es betrifft ihr Innerstes.

Regelblutungen gehören zum Erfahrungshorizont einer Frau. Sie kommen und sie gehen. Sie stehen für das Ende eines Zyklus. Und nach dem Ende kommt der Anfang, der sogar neues Leben ermöglicht. Blutungen jedoch, die nicht mehr aufhören, stehen für ein Ende ohne Ende. Zwölf Jahre lang, das bedeutete: ohne Unterbrechung fließt Lebenskraft von ihr fort. Das hieß nach den damaligen Hygieneregeln auch: Seit zwölf Jahren durfte sie keinen Menschen mehr umarmen, keinen Tisch mehr berühren, ohne dass dieser danach als unrein galt, desinfiziert werden musste. Zwölf Jahre lang ist diese Frau von Arzt und Arzt gerannt, hat viel durchgemacht, ihr ganzes Geld dafür ausgegeben und ist nun total verarmt. Aber es hatte nichts genützt, ihr Leiden ist nur noch schlimmer geworden. Sozial vereinsamt. Wirtschaftlich am Ende. „Wenn ich nur seinen Mantel berühre, werde ich gesund“, spricht diese Frau sich selber zu und rafft sich auf.

Was für ein unglaublicher Akt der Selbstmotivation und der Zuversicht! Nach all dem, was sie durchgemacht hat! Vom äußeren Rand der Gesellschaft, vereinzelt, rafft sie sich auf, überwindet die Menge und alle Konventionen, die sie von Jesus trennen, drängt sich bis zu ihm hindurch, berührt den Saum seines Gewandes und spürt im selben Moment, wie sie innerlich heil wird.

Diese Heilungsgeschichte ist einzigartig im Neuen Testament, denn Jesus tut hier nicht willentlich ein Wunder, sondern das Wunder geschieht – und die Antriebskraft ist die Sehnsucht der Frau. Ihre auf Jesus gesetzte Hoffnung zieht das Wunder gewissermaßen aus ihm heraus (ein schöner Gedanke des Theologen Klaus Douglass, siehe Douglass/Vogt, der Evangelische Patient).

Jesus schaut die Frau an. Und ist sichtlich beeindruckt. Er sagt zu ihr: „Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden. Du bist endgültig von deinem Leiden befreit.“

Jesus nennt sie „Tochter“ und erklärt sie damit für zugehörig, nimmt sie in die Gemeinschaft auf. Er heilt nicht nur ihr körperliches Leiden, sondern auch ihr soziales Leiden. „Geh hin in Frieden, du bist endgültig von deinem Leiden geheilt.“ Mit diesen Segensworten sendet er die Frau zurück ins Leben.

Während dieser Unterbrechung, während all dieser Bewegung – die Frau, die sich zu Jesus drängt, ihn berührt – die Kraft, die fließt, von Jesus zu der Frau – Jesus, der sich umdreht – das Bekenntnis der Frau – während all dessen liegt in einem Haus ein sterbendes Mädchen.

Und als Jesus noch mit der Frau spricht, kommt die Nachricht zu Jairus: „Deine Tochter ist gestorben. Bemühe den Lehrer nicht mehr.“

Stillstand.

Ich höre den Vorwurf in ihren Worten: Diese Frau hier, diese Tochter, mag geheilt sein. Eine Frau ohne Namen. Ohne Bedeutung. Aber deine Tochter, die ist jetzt tot. – Die Heilung der einen bedeutet ein zu spät für die andere. Eine Wechselwirkung. Eine Verteilungsfrage: Es kann nicht allen geholfen werden! – Und ich höre die herabsetzende Empfehlung: Bemühe den Lehrer nicht mehr. Den „Lehrer“, den Rabbi. Denn das ist es, was sie in Jesus sehen: einen, der gute Worte findet, die Wirklichkeit zu deuten. Aber mehr auch nicht. Bemühe den Rabbi nicht mehr, lass ihn in Ruhe!

Aber Jesus will bemüht werden! Er deutet Wirklichkeit nicht nur, sondern er schafft sie.  „Fürchte dich nicht“, sagt er zu Jairus, „glaube nur!“

Ein heikler Moment. Beide Seiten reden auf Jairus ein. Die einen, seine engsten Vertrauten, sagen: „Gib auf. Du hast verloren.“ Der andere sagt: „Fürchte dich nicht, glaube nur.“

Wir wissen nichts von dem, was in Jairus in diesem Augenblick vor sich geht. Wir wissen nur: er geht weiter. Zu dem Haus, in dem das tote Mädchen liegt. Und Jesus geht mit ihm. Die Verheißung gilt. Immer. Egal was geschieht: ich geh mit dir.

Im Haus treffen sie auf die Trauergesellschaft, und in der Bibel steht: „Sie weinten und klagten laut.“ Totenklage im damaligen Israel war keine stille Trauerfeier, wie wir sie kennen. Totenklage war laut und gehörte zu den heiligsten Pflichten. Angehörige, Nachbarn, Freunde und selbst Feinde hatten da zu sein und zu klagen. Unterstützt von professionellen Klageweibern und Flötenspielern. Je vornehmer das Haus, desto gellender die Klage. Man raufte sich die Haare und zerkratzte sich das Gesicht.

Mitten hinein in die Todesklage ruft Jesus: „Was soll dieser Lärm, das Kind ist nicht gestorben. Es schläft nur…“

Die Leute, die eben noch lauthals geklagt haben, fangen an zu lachen. Sie lachen Jesus aus.

Jesus wirft sie alle raus. Alle. Nur die Eltern des Mädchens und ein paar Jünger dürfen bleiben. Jesus weiß, dass das Mädchen tot ist. Sie ist aus der Gemeinschaft der Lebenden herausgefallen. Und ebenso wie bei der blutflüssigen Frau gilt nun nach nachmaliger Vorschrift: Nicht anfassen. Aber Jesus hat keine Berührungsängste, weder angesichts gesellschaftlicher Ächtung, noch angesichts des Todes. Er geht zum Totenbett, ergreift die Hand des Mädchens und sagt: „Mädchen, steh auf!“

Diesmal ist es Jesus, von dem die Berührung ausgeht. Ausgehen muss. Denn im Gegenteil zu der erwachsenen Frau ist es dem Mädchen nicht möglich, Jesus aus eigener Kraft zu berühren. Sie brauchte einen Fürsprecher, der für sie zu Jesus lief und ihn herbat: ihren Vater. Und sie braucht Jesus, der zu ihr kommt. Bis an ihr Totenbett.

Jesus nimmt sie bei der Hand und ruft sie aus dem Tod zurück ins Leben. Die Geschichte erzählt: Sofort stand das Mädchen auf und ging ein wenig herum. Und als ob Jesus die Wiederherstellung des wunderbaren, des alltäglichen menschlichen Lebens und Miteinanders unterstreichen will, sagt er: „Gebt ihr was zu essen.“ Aus dem Stillstand des Todes in die Bewegung des ganz alltäglichen Lebens. Sie ging ein wenig herum. Das ist der Neuanfang. Er beginnt mit kleinen Schritten, mit freundlichen Gesten der Fürsorge.

Die Eltern und die Jünger sind außer sich. Eine Totenauferweckung! Jesus schärft ihnen ein, nichts davon zu erzählen. Mir wird nun auch klar, warum er zu den Leuten draußen sagte: Sie schläft nur. Damit es nicht später überall heißt: Er hat eine Tote auferweckt!

Ich möchte, bevor ich schließe, noch ein paar Gedanken mit euch teilen.

Diese beiden Geschichten sind eigentlich eine Geschichte. Und sie erzählt von der Überwindung der Notlage von Frauen, die aus der Gemeinschaft der Lebenden herausgefallen zu sein scheinen.

Sie erzählt von der Kraft der Verzweiflung und der Zuversicht, die eine Frau in Bewegung setzen kann. Um Hilfe zu erfahren. Um gerettet zu werden. In meinen Ohren ist diese Geschichte ein Ruf der Ermutigung an verzweifelte Frauen: Gib dich nicht verloren. Fasse Mut und Zuversicht! Fasse nach dem, von dem Leben und Heilung ausgehen! Es ist der Ruf, herauszutreten aus der vermeintlichen Namen- und Bedeutungslosigkeit: Es ist nicht egal, was aus dir wird.

Und die Geschichte erzählt von Todesschwachheit. Vom Angewiesensein auf einen Fürsprecher. Auf einen Menschen, der auf das Elend hinweist. Der zum Himmel schreit. Und Hilfe holt. In meinen Ohren ist die Geschichte ein Aufruf an die, die einen Namen haben: Von Liebe erfüllt die Stimme zu erheben für Mädchen in Not, die verstummt und erstarrt und herausgefallen sind aus der Gemeinschaft derer, die eine Zukunft haben.

Die Geschichte erzählt von Überwindung von Ausgrenzung und Todgeweihtheit. Und sie erzählt von der Wiederherstellung eines Lebens in Heil und Frieden.

Jesu Wärme, Hingabe und Nähe ermöglichen beiden Frauen den Schritt zurück ins Leben. Es ist ein Geheimnis der Wunder Jesu, dass er die Macht hat, Menschen aus der Umklammerung ihrer äußeren und inneren Begrenzung herauszulösen und sie dem Leben zurückzugeben. Und wie erleichternd: Gott rechnet nicht. Es ist eben nicht so, dass die Kraft Jesu nur für die eine reicht, und die andere geht verloren. Es gibt hier keine Wechselwirkung, keine Umverteilungs- und Zuteilungsfrage. Keine Obergrenze begrenzt Gottes weites Herz. In Jesus wird die überfließende Lebensfülle offenbar. Sie schließt alle Menschen ein. Männer und Frauen. Mädchen und Jungen. Alte und Kinder. Die Ortsprominenz und die Frau ohne Namen.

Wenn wir als Gesellschaft über Zahlen reden: Corona-Zahlen. Impfzahlen. Flüchtlingszahlen. Wirtschaftszahlen – so lasst uns zwischendurch von den Zahlen aufsehen. Und stattdessen zueinander hinsehen. Als Menschen. Ob nah oder weit entfernt. Mit den Augen, die wir im Gesicht haben. Und mit den Augen unserer Herzen.

Lassen wir es zu, dass wir berührt werden. Von der Not anderer Menschen. Lasst uns in Bewegung kommen. Lasst uns Hilfe holen, wo Menschen im Stillstand gefangen sind. Lassen wir uns nicht vorrechnen, dass die Lage hoffnungslos ist. Sie ist es nicht. „Ich gehe mit dir“. Versprochen.

Und geben wir auch uns selbst nicht verloren. Lassen wir uns von unserer großen Sehnsucht bewegen. Suchen wir die Berührung mit dem, von dem wir wissen: Hier ist Leben. Hier ist Hoffnung. Hier ist Heilung.

Übrigens: In der Legende ist der Frau, die Jesus berührt, ein Name zugewachsen: Veronika (oder Berenike – ist eigentlich der gleiche Name). Und er bedeutet: die Siegbringerin.

Dass wir als Siegbringerinnen und Siegbringer zurück ins Leben gehen, dazu segne und berühre uns Gott.

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